Klinikum Stockerau: Große Vision, viele offene Fragen

Der Standort des geplanten Klinikums erhitzt die Gemüter. Gebaut werden soll in Stockerau – auf dem Areal der Sportstätten in der „Alten Au“. Jener Bereich also, der 2024 stellenweise knietief unter Wasser stand. Ausgerechnet dort soll nun kritische Infrastruktur entstehen. Man könnte es mutig nennen. Oder österreichische Raumplanung.

Auch die Zuwegung wirft Fragen auf: Zu geringe Durchfahrtshöhen unter den Viadukten könnten den Baustellenverkehr quer durch die Stadt lenken. Kritisiert werden außerdem die Rettungs- und Feuerwehrzufahrten sowie der zu erwartende Lärm des Rettungshubschraubers.

Nicht das Ob eines Klinikums steht in der Kritik, sondern das Wo – und vor allem das Wie im Umgang mit der Bevölkerung. Seit Jahren wurden diffuse Standortvarianten kommuniziert. Viele Möglichkeiten standen im Raum, die Alte Au allerdings nie – bis plötzlich Fakten geschaffen wurden. Selbstverständlich ohne ernsthafte Einbindung der Bevölkerung. Das wäre schließlich nicht der Stil jener Politik, die Transparenz gern als lästige Formalität betrachtet.

Die Baulogistik wirft erhebliche Fragen auf. Bürger:innen befürchten Verkehrschaos, Lärm, Staub und zusätzliche Abgase. Gleichzeitig gibt es bis heute keinen belastbaren Plan für die bestehenden Sportstätten.

Dafür wird die Gemeinde nicht müde, sich selbst im bestmöglichen Licht zu präsentieren. Die Vorteile des Standorts seien „offensichtlich“, die offiziellen Social-Media-Kanäle sparen nicht mit Hochglanzgrafiken und Durchhalteparolen. Realität und PR scheinen allerdings zunehmend getrennte Wege zu gehen.

Die Stockerauer Stadtregierung ist ohnehin nicht gerade dafür bekannt, offen mit Bürger:innen zu kommunizieren. Wichtige Entscheidungen werden gern unter Verschwiegenheitspflicht in Stadtratssitzungen vorbereitet, bevor man anschließend die „Bombe platzen lässt“ – selbstverständlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wer lässt sich schließlich schon gern ins Handwerk pfuschen.

Visionen für den Sport – und die Realität

Arena Stockerau – Vision Freizeitzentrum

Karina Müllner-Scheidl hat inzwischen eine Website online gestellt, die die Integration neuer Sportstätten in das bestehende Freizeitzentrum skizziert. Interessanterweise sind auch wir bei der Analyse der verfügbaren Flächen auf genau diesen Bereich gestoßen.

Derzeit stehen in der Alten Au rund neun Hektar zur Verfügung. Das Freizeitzentrum inklusive Parkflächen und Mistplatz würde auf eine ähnliche Größenordnung kommen.

Sport & Heilstadt Stockerau – Analyse der Flächenfrage

Das Problem: Derzeit handelt es sich um Visionen – nicht um konkrete Planungen. Möglich wäre vieles, manches davon vermutlich sogar sinnvoll. Allerdings erscheint es eher unwahrscheinlich, dass die Stockerauer Politik ernsthaft Vorschläge aus der Bevölkerung aufgreift. Bürgerbeteiligung wird hier oft eher als Störung des Betriebsablaufs verstanden.

Damit bleibt die Frage nach der Zukunft des Sports weiterhin ungeklärt – organisatorisch wie finanziell. Auch eine Aufteilung der Sportstätten über das gesamte Stadtgebiet hinweg steht im Raum. Praktisch klingt anders.
Das Klinikum als Allzweck-Ausrede

Bleiben wir beim Krankenhausprojekt selbst.

Vielerorts wird befürchtet, dass die Stadt das Projekt finanziell und infrastrukturell schlicht nicht „derheben“ könnte. Öffentlich thematisiert wird das kaum. Stattdessen dominieren optimistische Präsentationen und symbolpolitische Erfolgsmeldungen.

Positiv betrachtet zwingt das Projekt immerhin dazu, das seit Jahren verschleppte Örtliche Entwicklungskonzept (ÖEK) neu aufzurollen. Lange genug diente das Klinikum als politisches Moratorium: Verkehrslösungen vertagt, Stadtentwicklung verschoben, strukturelle Probleme ausgesessen.

Im Jänner 2026 wurde das ÖEK schließlich unter erheblichem Druck präsentiert – rückblickend wohl eher alibihalber. Die Veranstaltung war eine Performance, die ihren Vergleich erst finden muss.

ÖEK Stockerau – Eine emotionale Entgleisung

Es bleiben zahlreiche Punkte unbeantwortet:

 

  • Wasser & Abwasser: Reichen die bestehenden Kapazitäten aus? Welche Auswirkungen hätte das Klinikum auf die Infrastruktur? Und droht langfristig ein Wechsel zu einem anderen Wasseranbieter wie der EVN? Welche Vor- und Nachteile hätte das?
  • Zuwegung: Wie soll der Baustellenverkehr tatsächlich geführt werden? Sind die Durchfahrtshöhen unter den Viadukten überhaupt ausreichend?
  • Erreichbarkeit: Laut Google Maps liegt der Standort knapp einen Kilometer vom Bahnhof entfernt – rund zwölf Minuten zu Fuß. Entscheidend wäre jedoch ein funktionierender öffentlicher Verkehr innerhalb der Stadt, nicht bloß eine Verbindung zwischen Bahnhof und Klinikum.
  • Personal: Woher kommt das Personal – und wie erreicht es den Arbeitsplatz? Vieles deutet darauf hin, dass ein Großteil mit dem Auto pendeln wird.
  • Nutzen für die Stadt: Welchen konkreten Mehrwert hat Stockerau tatsächlich? Kommunal- und Grundsteuer werden meines Wissens nicht eingehoben. Gleichzeitig liegt das Klinikum rund zwanzig Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt – zu weit für einen schnellen Abstecher in der Mittagspause und für viele Besucher:innen ebenfalls wenig attraktiv.

Und damit landet man zwangsläufig bei einer unangenehmen Frage: Was genau macht Stockerau derzeit eigentlich attraktiv? Es fehlen Aufenthaltsräume, Cafés, urbane Qualität, Charme und vielerorts auch echte Nahversorgung.

Es drängt sich die Sorge auf, dass Stockerau zunehmend zur klassischen Satellitenstadt wird: Randständige Zentren – Klinikum, Einkaufszentren, Sportanlagen – verbunden durch Distanzen, die man überwinden muss. Dazwischen bleibt vor allem eines: leerer Raum.

Auch mögliche neue Sportstätten, etwa beim Freibad, werfen dieselben Fragen auf. Rund 1,6 Kilometer beziehungsweise über zwanzig Minuten Fußweg mögen auf dem Papier harmlos wirken. Im Alltag sieht das oft anders aus.

Wohnraum, Verkehr, Stadtentwicklung

Sollte das Klinikum tatsächlich realisiert werden, könnte sich auch die Wohnraumsituation massiv verändern. Wer nicht pendeln möchte, wird überlegen, nach Stockerau zu ziehen. Welche Auswirkungen hätte das auf Immobilienpreise und Mietkosten?

Und erneut stellt sich die Frage der Erreichbarkeit. Eine Stadt wächst nicht automatisch durch ein Großprojekt. Sie funktioniert nur dann, wenn Infrastruktur, Verkehr und Lebensqualität mitwachsen. Genau dazu fehlen bislang überzeugende Antworten.

Am Ende bleibt die entscheidende Frage:
Ist Stockerau tatsächlich der optimale Standort für dieses Klinikum – oder lediglich der politisch geforderte?

 

Weiterführende Links:

NÖN: Arena am Bahnhof – große Vision oder unrealistischer Traum?

Facebook-Seite der Stadtgemeinde Stockerau

Facebook-Beitrag der Stadtgemeinde Stockerau

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Hinweis in eigener Sache

Der Podcast zur Stockerauer Au und zum Natur- sowie Europaschutzgebiet ist inzwischen online. Die ersten drei Folgen sind bereits verfügbar. Thematisiert werden die Hintergründe, rechtliche Fragen und die Entwicklungen der vergangenen Jahre.

Bleibt die Au ein Naturschutzgebiet – oder wird sie schrittweise in einen Wirtschaftswald umgebaut? Die Maßnahmen seit 2022 deuten zumindest in eine klare Richtung.

Au Weh – Podcast zur Stockerauer Au

 

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